Jede Nacht verriegelte der Hirte den Stall – doch am Morgen standen alle Ziegen wieder am selben Felsen hoch oben am Berg.

Als Johann Auer zum fünften Mal innerhalb einer Woche im Morgengrauen den leeren Stall betrat, blieb er diesmal nicht ratlos in der Tür stehen. Er prüfte das schwere Vorhängeschloss: geschlossen. Er untersuchte die Fenster: verriegelt. Er ging einmal um das ganze Gebäude:

keine aufgebrochenen Bretter, keine offenen Türen, keine Spuren, die erklärten, wie zweiundzwanzig Ziegen aus einem verschlossenen Stall verschwinden konnten. Johann wusste trotzdem genau, wo er sie finden würde.

Fast vierhundert Meter höher, an einem grauen Felsen unterhalb der alten Hochalm, standen alle zweiundzwanzig Tiere dicht nebeneinander und blickten gegen die Felswand, als warteten sie dort auf jemanden. An diesem Morgen entdeckte Johann jedoch etwas, das am Vortag noch nicht dort gewesen war.

Zwischen den Hufen seiner ältesten Ziege lag ein rostiger Schlüssel. An ihm hing ein verwittertes Holzstück, in das jemand vor Jahrzehnten zwei Buchstaben geritzt hatte: „K.A.“ Johann wurde blass. Diese Initialen gehörten seinem Vater, der vor 31 Jahren genau an diesem Berg verschwunden war.

Johann war 63 Jahre alt und lebte allein auf einem kleinen Hof im Allgäu, weit oberhalb eines Dorfes bei Oberstaufen. Seine Frau Ingrid war vor neun Jahren gestorben, sein Sohn Martin arbeitete als Vermessungsingenieur in Ulm und kam nur alle paar Wochen nach Hause.

Johann hielt noch zweiundzwanzig Ziegen, mehr aus Gewohnheit als aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Er kannte jedes Tier, jeden Zaun und beinahe jeden Stein auf den umliegenden Hängen. Deshalb machte ihn das Verhalten der Herde so nervös.

Es hatte an einem Montag begonnen. Er hatte den Stall wie jeden Abend um halb acht geschlossen, den Riegel vorgeschoben und das Vorhängeschloss eingerastet. Am nächsten Morgen war der Stall leer. Die Tür war noch verschlossen.

Nach fast einer Stunde Suche fand Johann die Tiere am sogenannten Adlerfelsen, einem abgelegenen Ort oberhalb eines alten, seit Jahrzehnten nicht mehr genutzten Almweges. Am nächsten Abend überprüfte er alles doppelt.

Trotzdem geschah dasselbe. Am dritten Abend streute er feinen Sand vor sämtliche Fenster und Türen. Am Morgen waren darin keine menschlichen Fußspuren zu sehen. Nur innerhalb des Stalls verliefen Ziegenspuren auffällig entlang der hinteren Steinwand.

Johann rief Martin an. Sein Sohn hielt zunächst einen technischen Defekt oder eine versteckte Öffnung für wahrscheinlich. Am Freitag kam er nach Hause und untersuchte gemeinsam mit seinem Vater den Stall. Hinter einer alten Futterraufe bemerkte Martin schließlich einen schmalen Spalt zwischen zwei Brettern. Sie entfernten die Verkleidung.

Dahinter befand sich kein Loch nach draußen, sondern ein niedriger gemauerter Durchgang, von dem Johann nichts gewusst hatte. Nach wenigen Metern endete er scheinbar an einer mit Erde bedeckten Holzwand. Martin leuchtete hinein. Am Boden lagen frische Ziegenspuren.

„Da gehen sie durch“, sagte er. Johann schüttelte den Kopf. „Das ist unmöglich. Dahinter ist der Hang.“ Doch als sie die morsche Holzwand entfernten, spürten sie kalte Luft. Dahinter verlief ein alter, kaum mannshoher Versorgungsgang schräg in den Berg.

Johann erinnerte sich plötzlich an Erzählungen seiner Großmutter. Früher hatte oberhalb des Hofes eine zweite Alm gestanden. Milch, Käse und Vorräte waren über kurze Stollen und überdachte Wege transportiert worden, wenn im Winter Lawinengefahr bestand.

Die meisten Zugänge waren später zugeschüttet worden. Offenbar war einer davon vergessen worden. Die Ziegen hatten die morsche Abdeckung im Stall zur Seite gedrückt und einen Weg hinaus gefunden. Damit war das erste Rätsel gelöst.

Doch nicht das wichtigere: Warum liefen sämtliche Tiere Nacht für Nacht fast zwei Kilometer durch einen alten Berggang und anschließend denselben steilen Pfad hinauf – immer zu genau diesem Felsen?

Am nächsten Morgen folgten Vater und Sohn der Herde. Kurz vor fünf hörten sie Holz knarren. Eine kräftige Ziege drückte mit den Hörnern gegen die lockere Verkleidung, die Martin absichtlich nur provisorisch befestigt hatte.

Wenige Minuten später bewegte sich die gesamte Herde durch den Gang. Johann und Martin folgten mit Taschenlampen. Der alte Stollen führte etwa hundert Meter durch den Hang und endete hinter dichtem Gestrüpp oberhalb des Hofes.

Von dort gingen die Ziegen zielstrebig bergauf. Kein Tier blieb zurück. Nach knapp vierzig Minuten erreichten sie den Adlerfelsen. Dort blieben alle stehen.

Dann hörte Martin ein Geräusch.

Drei kurze metallische Schläge.

Pause.

Wieder drei Schläge.

Sie kamen nicht von den Ziegen. Sie kamen aus dem Berg.

Johann kniete sich neben den rostigen Schlüssel, den er am Vortag gefunden hatte. „K.A.“ Karl Auer. Sein Vater. Karl war 1985 während eines schweren Sommergewitters verschwunden.

Damals hatte man wochenlang gesucht. Seine Jacke war an einem Bach gefunden worden, weshalb man schließlich annahm, er sei abgestürzt und vom Hochwasser fortgerissen worden. Johann war damals 32 gewesen. Eine Leiche hatte man nie gefunden.

Martin leuchtete über die Felswand. Hinter Moos erkannte er eine ungewöhnlich gerade Kante. Gemeinsam entfernten sie Erde und Pflanzen. Langsam kam eine schmale Metallplatte zum Vorschein. In ihrer Mitte befand sich ein verrostetes Schlüsselloch.

Johanns Hände zitterten, als er den Schlüssel hineinsteckte.

Er passte.

Die Tür ließ sich trotzdem kaum bewegen. Erst gemeinsam schafften sie es, sie einige Zentimeter aufzudrücken. Kalte, feuchte Luft strömte heraus. Dahinter führte eine steile Steintreppe in völlige Dunkelheit. Auf der dritten Stufe lag etwas, das aussah, als wäre es erst vor wenigen Tagen dort abgelegt worden: ein frischer Apfel, halb aufgefressen, daneben ein Stück Brot in Papier.

Martin sah seinen Vater an.

„Hier war vor Kurzem jemand.“

Wieder kamen die drei metallischen Schläge aus der Tiefe.

Diesmal deutlich näher.

Johann wollte sofort hinuntergehen, doch Martin hielt ihn zurück. Der alte Zugang war feucht, die Stufen teilweise eingebrochen. Sie informierten die Bergwacht und warteten. Zwei Stunden später stiegen vier erfahrene Helfer mit Sicherungsseilen und Lampen hinab. Johann durfte zunächst nicht mit.

Er stand vor der geöffneten Metalltür, während seine Ziegen noch immer ruhig um den Felsen verteilt waren. Nach fast zwanzig Minuten knackte das Funkgerät eines Helfers. Man hatte einen größeren unterirdischen Raum gefunden. Und dort war tatsächlich jemand.

Es war jedoch nicht Karl Auer.

Die Bergwacht brachte einen etwa 70-jährigen Mann nach oben. Sein rechter Fuß war verletzt, sein Gesicht schmutzig, seine Kleidung durchnässt. Johann erkannte ihn nach einigen Sekunden: Alois Kern, ein ehemaliger Hüttenwirt aus dem Nachbardorf.

Alois war seit drei Tagen vermisst worden. Seine Nichte hatte geglaubt, er sei zu Freunden gefahren. Tatsächlich war er allein zur alten Alm aufgestiegen, um nach dem Zugang zu diesem Raum zu suchen. Dabei war eine Stufe unter ihm weggebrochen. Er konnte nicht mehr nach oben gelangen.

„Die Ziegen“, sagte Alois, nachdem er Wasser bekommen hatte. „Die haben mich gefunden.“

Er hatte etwas Brot und Äpfel im Rucksack gehabt. Als die ersten Tiere durch einen schmalen Seitenspalt in die Kammer gelangten, hatte er sie gefüttert. Danach waren sie immer wiedergekommen.

Mit einem alten Metallstück hatte Alois gegen ein Rohr geschlagen, sobald er sie hörte. Die Tiere hatten offenbar gelernt, dass an diesem Ort Futter und ein vertrautes menschliches Geräusch auf sie warteten. Damit war auch erklärt, warum die Herde immer wieder zum Adlerfelsen lief.

Aber Johann hatte nur eine Frage.

„Woher haben Sie den Schlüssel meines Vaters?“

Alois wurde still.

Schließlich bat er Johann und Martin, sich neben ihn zu setzen. Er kannte Karl Auer tatsächlich. Als junger Mann hatte Alois im Sommer auf der alten Hochalm gearbeitet. Karl hatte ihm damals mehrmals geholfen.

Der Raum hinter dem Felsen war kein Schatzversteck und kein geheimer Bunker. Er gehörte zu einem alten Wassersystem. Dort liefen mehrere Quellen zusammen, die früher zwei Almen und einige tiefer gelegene Höfe versorgt hatten.

Im Sommer 1985, kurz vor Karls Verschwinden, hatte es nach starken Regenfällen Probleme mit dem Berg gegeben. Wasser drang an mehreren Stellen aus dem Hang. Karl vermutete, dass einer der alten Entlastungskanäle blockiert war. Er und Alois wollten den Zugang überprüfen. Dann kam das schwere Gewitter.

„Ihr Vater ist nicht hier unten gestorben“, sagte Alois.

Johann sah ihn scharf an.

Alois erklärte, Karl habe den Raum noch rechtzeitig verlassen. Auf dem Rückweg hätten sich die beiden getrennt. Karl wollte über den Bachweg zum Hof zurück, Alois über die Alm.

Später erfuhr Alois, dass Karl verschwunden war. Er erzählte der Polizei damals von dem unterirdischen System, doch der Zugang war nach einem kleinen Erdrutsch nicht mehr erreichbar. Da Karls Jacke weiter unten am Bach gefunden wurde, konzentrierte sich die Suche dort.

„Warum hatten Sie seinen Schlüssel?“

Alois senkte den Blick. Karl hatte ihm den Schlüssel an jenem Nachmittag gegeben, weil Alois am nächsten Tag noch einmal nach dem Wasserkanal sehen sollte. Nach Karls Verschwinden behielt er ihn. Jahrzehntelang lag er in einer Werkzeugkiste.

Erst vor einigen Wochen hatte Alois erfahren, dass oberhalb des Berges erneut Wasser an ungewöhnlichen Stellen austrat. Er wollte nachsehen, ob der alte Kanal wieder blockiert war. Dabei verlor er den Schlüssel draußen vor der Tür. Eine der Ziegen musste ihn später zwischen den Steinen hervorgetreten haben.

Für Johann war die Geschichte gleichzeitig eine Erklärung und eine Enttäuschung. Für einige Stunden hatte ein Teil von ihm geglaubt, hinter der Tür könne endlich die Antwort auf das Verschwinden seines Vaters liegen. Doch Alois wusste nicht, was nach ihrer Trennung mit Karl geschehen war.

Die Bergwacht untersuchte den Raum genauer. Dabei entdeckten die Helfer hinter einem eingestürzten Abschnitt mehrere alte Rohre und einen schmalen Wartungsgang. In einer trockenen Nische lag eine Blechdose. Darin befanden sich Werkzeug, Streichhölzer und ein kleines Notizbuch.

Auf der ersten Seite stand: „Karl Auer – Sommer 1985.“

Johann musste sich setzen.

Das Buch enthielt keine dramatische Beichte. Karl hatte darin Wasserstände, beschädigte Leitungen und Arbeiten an der Alm notiert. Der letzte Eintrag stammte vom Tag seines Verschwindens: „Hauptablauf wieder frei. Wenn Regen stärker wird, über unteren Bachweg heim. Alois soll morgen Ventil prüfen.“

Mehr nicht.

Doch diese wenigen Worte veränderten etwas Entscheidendes. Sie bestätigten Alois’ Erinnerung. Karl hatte den unterirdischen Raum verlassen und wollte tatsächlich den Bachweg nehmen. Die damalige Annahme, dass er dort während des Unwetters verunglückt war, wurde dadurch wahrscheinlicher.

Nach Rücksprache mit Behörden und Bergrettung wurde Monate später ein schwer zugänglicher Abschnitt unterhalb des alten Bachwegs erneut untersucht. Dort fand man schließlich zwischen Geröll einige persönliche Gegenstände, die eindeutig Karl gehört hatten.

Mehr ließ sich nach über drei Jahrzehnten nicht sicher rekonstruieren. Für Johann gab es keine wundersame Rückkehr und keine sensationelle Verschwörung. Aber erstmals hatte er einen nachvollziehbaren letzten Weg seines Vaters.

Seltsamerweise genügte ihm das.

Alois entschuldigte sich dafür, so lange geschwiegen zu haben. Johann fragte, weshalb er nie persönlich zu ihm gekommen sei. Der alte Mann antwortete: „Weil ich mich geschämt habe. Ich dachte immer, wenn ich bei ihm geblieben wäre, wäre er vielleicht nicht allein zum Bach gegangen.“

Johann kannte dieses Gefühl. Auch er hatte sich jahrzehntelang gefragt, ob er seinen Vater an jenem Nachmittag hätte begleiten sollen. Zwei Männer hatten mehr als dreißig Jahre Schuld für Entscheidungen getragen, deren Ausgang keiner von ihnen hatte vorhersehen können.

Der unterirdische Wasserraum wurde später von Fachleuten gesichert. Der Zugang im Ziegenstall wurde dauerhaft verschlossen. Die Quelle selbst blieb erhalten. Johann brachte am Adlerfelsen eine kleine Holztafel an, nicht als großes Denkmal, sondern als Erinnerung an seinen Vater und die Menschen, die früher dort oben gearbeitet hatten.

Und die Ziegen?

In den ersten Tagen nach der Sicherung des Stalls standen sie morgens empört vor der verschlossenen alten Öffnung. Besonders Johanns älteste Ziege, Resi, stieß mehrmals mit den Hörnern dagegen. Martin lachte. „Sie wollen wieder zu Alois.“

Alois kam nach seiner Genesung tatsächlich auf den Hof. Als er den Stall betrat, begann Resi sofort zu meckern. Der alte Mann zog einen Apfel aus seiner Jackentasche.

Johann schüttelte den Kopf. „Jetzt weiß ich wenigstens, warum sie dich retten wollten.“

„Wegen meiner Persönlichkeit“, sagte Alois.

Martin zeigte auf den Apfel. „Ganz sicher.“

Ein Jahr später saßen die drei Männer vor Johanns Haus. Die Ziegen weideten hinter dem Zaun. Der Adlerfelsen war von dort nur als kleiner grauer Punkt am Hang zu erkennen. Martin fragte seinen Vater, ob es ihn enttäusche, dass hinter dem Rätsel kein großes Geheimnis verborgen gewesen sei.

Johann dachte lange nach.

„Doch“, sagte er schließlich. „Für ein paar Stunden habe ich gehofft, mein Vater könnte irgendwie noch dort oben sein.“

Dann blickte er zu den Ziegen.

„Aber manchmal ist die Wahrheit kleiner als die Hoffnung und trotzdem wertvoller als dreißig Jahre Ungewissheit.“

Seitdem verriegelt Johann den Stall noch immer jeden Abend. Nicht mehr dreimal. Einmal reicht. Morgens stehen die zweiundzwanzig Ziegen wieder dort, wo sie hingehören, und warten ungeduldig auf ihr Futter.

Nur Resi blickt manchmal lange hinauf zum Adlerfelsen.

Und jedes Mal, wenn Johann es bemerkt, erinnert er sich daran, dass seine Tiere das Rätsel nicht lösen wollten. Sie waren lediglich einem einfachen Grund gefolgt: Hinter einem Felsen war ein verletzter Mensch gewesen, der ihnen Futter gab und mit drei Schlägen auf ein altes Rohr nach Hilfe rief.

Doch indem die Ziegen Nacht für Nacht denselben Weg nahmen, hatten sie zwei Dinge ans Licht gebracht, die sonst vielleicht verborgen geblieben wären: einen Mann, der gerettet werden musste – und die letzten Spuren eines anderen Mannes, auf dessen Rückkehr sein Sohn mehr als drei Jahrzehnte gewartet hatte.

Ende

Leave a Comment