Im Schwarzwald verschwanden die Ziegen jede Nacht aus dem verriegelten Stall – morgens standen sie schweigend vor einer verlassenen Kapelle.

In der siebten Nacht legte Friedrich Keller eine dünne Schnur quer vor die verriegelte Stalltür und streute Mehl vor jedes Fenster. Am nächsten Morgen war die Schnur unberührt, das schwere Vorhängeschloss noch geschlossen und im Mehl befand sich kein einziger Hufabdruck – trotzdem waren alle siebzehn Ziegen verschwunden.

Friedrich musste nicht mehr nach ihnen suchen. Wie an jedem Morgen standen sie zwei Kilometer oberhalb seines Hofes mitten im Schwarzwald vor der seit fast fünfzig Jahren verlassenen St.-Anna-Kapelle. Kein Tier fraß. Keine Ziege meckerte. Alle blickten auf dieselbe verwitterte Holztür. Doch diesmal lag etwas zwischen ihnen, das Friedrich am Abend zuvor noch in seiner verschlossenen Schreibtischschublade gesehen hatte:

die alte Messingplakette seines Großvaters mit der eingravierten Zahl 27. Friedrich hob sie mit zitternden Fingern auf. Sein Großvater hatte ihm kurz vor seinem Tod nur einen einzigen Satz dazu gesagt: „Wenn du irgendwann herausfindest, wozu die Siebenundzwanzig gehört, öffne nichts allein.“ Das war 34 Jahre her.

Friedrich hatte den Satz längst für die Verwirrung eines sterbenden Mannes gehalten. Nun führte eine Spur frischer Ziegenhufe von der Kapellentür direkt hinter den Altar – und verschwand dort unter dem Steinboden.

Friedrich war 61 Jahre alt und bewirtschaftete mit seiner Frau Maria einen kleinen Ziegenhof in einem abgelegenen Tal zwischen Triberg und St. Georgen. Ihr Sohn Lukas, 29, arbeitete als Bauingenieur in Freiburg und half nur an manchen Wochenenden auf dem Hof. Friedrich kannte den Wald seit seiner Kindheit. Auch die Kapelle kannte er.

Sie war 1898 von mehreren Bauernfamilien errichtet und nach einem schweren Sturmschaden in den siebziger Jahren aufgegeben worden. Das Dach war später notdürftig gesichert worden, doch Gottesdienste fanden dort seit Jahrzehnten nicht mehr statt.

Als Kinder hatten Friedrich und seine Freunde manchmal vor der Kapelle gespielt. Hinter den Altar durften sie nie. Sein Großvater Emil hatte sie jedes Mal weggejagt. „Da hinten ist der Boden schlecht“, hatte er gesagt. Niemand hatte das hinterfragt.

Das nächtliche Verschwinden begann Anfang Oktober. Am ersten Morgen glaubte Friedrich, er habe den Stall nicht richtig verschlossen. Am zweiten tauschte er das Schloss aus. Am dritten befestigte er einen zusätzlichen Riegel. Trotzdem standen die Ziegen wieder vor der Kapelle. Maria vermutete zunächst, jemand mache sich einen schlechten Scherz.

Friedrich installierte eine Wildkamera im Stall. Die Aufnahme der vierten Nacht war noch rätselhafter: Kurz nach zwei Uhr wurden die Tiere unruhig. Eine alte Ziege namens Lotte ging zur hinteren Wand, drückte mehrfach mit den Hörnern gegen eine hölzerne Futterkrippe und verschwand plötzlich aus dem Bild. Die anderen folgten.

Die Kamera filmte danach einen leeren Stall. Friedrich und Lukas entfernten am folgenden Tag die Krippe. Dahinter fanden sie eine schmale Öffnung zwischen den alten Fundamentsteinen. Ein niedriger Entwässerungsschacht führte unter dem Stall hindurch in den Hang.

Friedrich hatte ihn sein Leben lang für einen kurzen Abfluss gehalten. Tatsächlich verlief er fast sechzig Meter unter der Wiese und endete hinter dichtem Farn am Waldrand. Offenbar hatten die Ziegen eine morsche Holzabdeckung gelöst.

Damit wussten sie, wie die Tiere den Stall verließen. Aber niemand konnte erklären, warum sie anschließend nachts zwei Kilometer durch den Wald liefen und immer vor derselben Kapelle stehen blieben.

Lukas wollte den alten Schacht sofort verschließen. Friedrich bat ihn, noch eine Nacht zu warten. Diesmal folgten Vater und Sohn den Tieren. Gegen zwei Uhr krochen die ersten Ziegen durch den niedrigen Gang. Danach bewegte sich die Herde erstaunlich zielstrebig durch den Wald.

Mehrmals blieb Lotte stehen und lauschte. Friedrich hörte zunächst nur Wind in den Fichten. Dann bemerkte auch er ein Geräusch: ein leises, regelmäßiges Klopfen. Drei Schläge, eine Pause, dann zwei Schläge. Es kam aus Richtung der Kapelle.

Als sie dort ankamen, liefen die Ziegen nicht zum Haupteingang. Lotte führte die Herde um das Gebäude herum zu einer halb eingestürzten Mauer. Dort befand sich ein schmaler Spalt.

Eine Ziege nach der anderen zwängte sich hindurch. Friedrich und Lukas gingen durch die Tür hinein. Hinter dem Altar fanden sie die Tiere wieder. Einige leckten an einer feuchten Stelle zwischen den Steinplatten. Lukas kniete sich hin und leuchtete mit seiner Taschenlampe darüber. „Hier kommt Luft hoch.“

Sie räumten vorsichtig lose Blätter und Schmutz weg. Unter einer schweren Steinplatte kam ein eiserner Ring zum Vorschein.

Daneben war die Zahl 27 eingeritzt.

Friedrich nahm die Messingplakette aus seiner Tasche. Größe und Form passten genau in eine flache Vertiefung neben dem Ring.

„Wir öffnen das nicht“, sagte Lukas sofort. „Nicht nachts und nicht ohne zu wissen, was darunter ist.“

Friedrich erinnerte sich an die Warnung seines Großvaters und stimmte zu.

Am nächsten Morgen suchte Lukas im Gemeindearchiv nach alten Unterlagen zur Kapelle. Dort fand er einen Plan aus dem Jahr 1949. Unter dem Gebäude war tatsächlich ein kleiner Keller eingezeichnet.

Doch auf einem späteren Plan von 1972 fehlte er vollständig. Noch merkwürdiger war eine handschriftliche Notiz am Rand des alten Dokuments: „Zugang 27 nach Hangbewegung dauerhaft schließen.“

Unterzeichnet: Emil Keller.

Friedrichs Großvater.

Am Nachmittag kehrten sie mit einem örtlichen Bausachverständigen zur Kapelle zurück. Die Steinplatte wurde gesichert und vorsichtig angehoben. Darunter führte eine schmale Treppe hinab. Die Luft roch nach feuchtem Stein und Erde.

Nach wenigen Metern erreichten sie einen niedrigen Raum. An den Wänden standen verrottete Holzregale. In einer Ecke lag ein alter Wassersammelbehälter. Das erklärte, warum die Ziegen immer wieder hierherkamen: Aus einem gebrochenen Rohr tropfte mineralhaltiges Quellwasser in eine flache Rinne. Die Tiere hatten offenbar den Geruch entdeckt und waren ihm gefolgt.

Doch das Klopfen erklärte es nicht.

Dann leuchtete Lukas auf die hintere Wand.

Dort befand sich eine zweite eiserne Tür.

Auf ihr stand in verblichenen weißen Buchstaben ebenfalls die Zahl 27.

Und hinter dieser Tür klopfte es wieder.

Drei Schläge.

Pause.

Zwei Schläge.

Friedrich wich zurück.

Der Sachverständige hob die Hand. „Da ist jemand.“

Sie riefen sofort Feuerwehr und Bergrettung. Fast eine Stunde später wurde die korrodierte Tür unter Sicherung geöffnet. Dahinter begann ein enger Felsgang. Nach etwa vierzig Metern fanden die Helfer einen Mann auf dem Boden. Er war verletzt, unterkühlt – aber am Leben.

Als Friedrich später sein Gesicht sah, erkannte er ihn sofort.

Es war Walter Haas, 74 Jahre alt, der ehemalige Förster des Dorfes.

Und seine ersten Worte zu Friedrich waren: „Du hast Emils Marke gefunden.“

Teil 2

Walter wurde ins Krankenhaus gebracht. Sein Bein war gebrochen, ansonsten sollte er sich erholen. Zwei Tage später besuchten Friedrich und Lukas ihn. Friedrich legte die Messingplakette auf den Nachttisch. „Jetzt erzählen Sie mir alles.“

Walter schwieg lange.

Dann erklärte er, dass die Zahl 27 weder ein Geheimcode noch eine Schatznummer war. In den alten Forstunterlagen bezeichnete sie einen Wartungsabschnitt eines historischen Quell- und Entwässerungssystems. Der Berg oberhalb des Dorfes war von kleinen Wasserläufen durchzogen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts hatten Bauern einfache Stollen angelegt, um Quellwasser zu sammeln und gleichzeitig besonders nasse Hangbereiche zu entwässern. Als die Kapelle gebaut wurde, hatte man einen älteren Wartungsschacht in ihren Keller integriert.

Nach starken Regenfällen im Jahr 1971 kam es zu einer Hangbewegung. Ein Teil des Stollens brach ein. Friedrichs Großvater Emil, damals Maurer und Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, half bei der Sicherung. Danach wurde der Zugang geschlossen. Die Messingmarken dienten Arbeitern zur Kennzeichnung der Abschnitte.

„Warum hat mein Großvater die Marke behalten?“

Walter sah aus dem Fenster. „Weil er überzeugt war, dass der Stollen nicht dauerhaft vergessen werden durfte.“

Emil hatte befürchtet, dass sich das Wasser nach einer vollständigen Sperrung irgendwann einen anderen Weg suchen würde. Doch damals fehlte Geld für eine Sanierung. Später geriet das System in Vergessenheit.

Walter selbst hatte in alten Forstkarten Hinweise darauf gefunden. In den vergangenen Monaten war ihm aufgefallen, dass oberhalb der Kapelle mehrere Fichten ungewöhnlich schief standen und der Boden nach Regen stark vernässte. Er vermutete einen blockierten Ablauf. Drei Tage vor seiner Rettung war er allein durch einen alten Zugang auf der anderen Bergseite in den Stollen gestiegen. Das war leichtsinnig gewesen. Ein Stück des Bodens brach weg, Walter stürzte und verletzte sein Bein. Sein Telefon wurde beim Sturz zerstört.

„Und das Klopfen?“, fragte Lukas.

Walter lächelte schwach. „Ein Rohr.“

Durch den Stollen verlief ein altes Metallrohr bis zum Kapellenkeller. Walter hatte festgestellt, dass Geräusche darin erstaunlich weit getragen wurden. Als er in der ersten Nacht die Ziegen hörte, schlug er mit einem Stein dagegen. Die Tiere reagierten. Am nächsten Abend kamen sie wieder.

„Sie haben die Ziegen gerufen?“

„Am Anfang nicht. Später schon.“

Walter hatte gehofft, dass das ungewöhnliche Verhalten der Tiere irgendwann jemanden zur Kapelle führen würde. Das Wasser dort lockte sie ohnehin an. Sein Klopfen sorgte dafür, dass sie blieben.

Die Geschichte mit der Messingmarke hatte jedoch eine andere Erklärung. Walter hatte eine zweite alte Marke mit derselben Nummer im Stollen gefunden und durch einen schmalen Spalt in den Kapellenkeller geschoben. Friedrich hatte sie im ersten Schreck für die Marke seines Großvaters gehalten. Erst zu Hause stellte er fest, dass Emils Original noch immer in seiner Schreibtischschublade lag. Die beiden Stücke sahen nahezu identisch aus.

Friedrich musste lachen, als er das bemerkte. Eine Woche lang hatte er geglaubt, etwas beinahe Übernatürliches verbinde seine Ziegen mit seinem verstorbenen Großvater. In Wahrheit bestand das Rätsel aus einem alten Wasserstollen, einer zweiten Messingmarke, einem verletzten Förster und siebzehn neugierigen Ziegen.

Doch damit war die Geschichte noch nicht beendet.

Fachleute untersuchten das gesamte System. Walters Sorge war berechtigt gewesen. Mehrere Abläufe waren teilweise blockiert. Bei weiteren starken Regenfällen hätte sich Wasser im Hang sammeln können. Niemand konnte behaupten, dass unmittelbar eine Katastrophe bevorstand, doch eine Sanierung war sinnvoll. Der Bereich wurde gesichert, beschädigte Abschnitte wurden stabilisiert und das Wasser kontrolliert abgeleitet.

Die Kapelle selbst wurde nicht wieder als Kirche eröffnet. Das Dorf reparierte jedoch das Dach und sicherte die Mauern. Der kleine Kellerzugang blieb verschlossen und durfte nur noch von Fachleuten betreten werden.

Friedrich verschloss auch den alten Entwässerungsschacht hinter seinem Ziegenstall endgültig.

In der ersten Nacht danach machten die Tiere einen solchen Lärm, dass Maria um halb drei ins Schlafzimmer kam und sagte: „Deine Damen wollen offenbar zur Andacht.“

Friedrich murmelte: „Dann sollen sie bis Sonntag warten.“

Einige Wochen später kam Walter auf Krücken zum Hof. Lotte erkannte ihn offenbar an der Stimme. Als er ihren Namen rief, drängte sie sich sofort durch die anderen Tiere zu ihm.

Walter gab ihr ein Stück Apfel.

Friedrich zeigte mit dem Finger auf ihn. „Genau damit fangen wir nicht wieder an.“

Walter grinste. „Sie hat mir das Leben gerettet.“

„Sie hat dich gefunden, weil du sie mit Quellwasser und Klopfzeichen angelockt hast.“

„Das nennt man Zusammenarbeit.“

Im folgenden Frühjahr durfte die Herde wieder auf die obere Weide. Friedrich beobachtete die Tiere in den ersten Tagen genau. Manchmal liefen einige von ihnen in Richtung Kapelle, doch der gefährliche Zugang war verschlossen. Meist verloren sie schnell das Interesse.

Eines Abends ging Friedrich selbst hinauf. Die Sonne stand tief zwischen den Schwarzwaldhängen. Vor der restaurierten Tür der Kapelle blieb er stehen. Lukas hatte die beiden Messingmarken – die seines Großvaters und die aus dem Stollen – in einem kleinen Rahmen befestigt. Darunter hing eine kurze Erklärung über das historische Wassersystem und seine Bedeutung für die alten Höfe.

Friedrich dachte an seinen Großvater.

Als Kind hatte er dessen Warnung für ein geheimnisvolles Verbot gehalten. Jahrzehnte später hatte er verstanden, dass hinter vielen alten Verboten keine Legende steckt. Manchmal steckt dahinter nur die Erinnerung eines Menschen an eine reale Gefahr, deren Erklärung mit der Zeit verloren gegangen ist.

Walter lebte nach seiner Genesung wieder allein, versprach jedoch, niemals mehr ohne Begleitung in alte Stollen zu steigen. Niemand im Dorf glaubte diesem Versprechen vollständig.

Und die siebzehn Ziegen wurden für einige Wochen zu einer kleinen Berühmtheit. Wanderer blieben am Zaun stehen und fragten Friedrich, ob das wirklich die Tiere seien, die jede Nacht zur verlassenen Kapelle gelaufen waren.

Friedrich antwortete meistens: „Ja. Aber erzählen Sie ihnen das nicht. Sie sind schon eingebildet genug.“

Nur wenn jemand fragte, weshalb die Tiere ausgerechnet dorthin gegangen waren, wurde er ernster.

Sie waren keinem Geist gefolgt. Sie hatten kein übernatürliches Geheimnis gespürt. Sie hatten Wasser gerochen, einen verborgenen Ausgang entdeckt und später das Klopfen eines verletzten Mannes gehört. Einfache Dinge hatten zusammen etwas geschaffen, das für die Menschen zunächst unerklärlich wirkte.

Doch ohne diese Tiere hätte Walter möglicherweise nicht rechtzeitig Hilfe bekommen. Und ohne Walter wäre der vergessene Wasserstollen vielleicht noch viele Jahre unentdeckt geblieben.

Seitdem kontrolliert Friedrich jeden Abend selbst die Stalltür. Das neue Fundament hat keinen verborgenen Durchgang mehr. Morgens stehen die Ziegen dort, wo sie stehen sollen.

Fast immer jedenfalls.

Denn an manchen frühen Herbstmorgen findet Friedrich Lotte am oberen Zaun. Dann steht die alte Ziege vollkommen still und blickt durch den Nebel hinauf zur Kapelle.

Friedrich stellt sich manchmal neben sie.

Und obwohl er inzwischen genau weiß, was sich unter den alten Steinen befindet, wirkt der Ort aus der Ferne noch immer geheimnisvoll.

Vielleicht, denkt er dann, entstehen die besten Geheimnisse nicht dort, wo es keine Erklärung gibt.

Sondern dort, wo die Wahrheit jahrzehntelang direkt unter unseren Füßen liegt – und niemand mehr weiß, dass er danach suchen sollte.

Ende

Leave a Comment