Seit Jahrzehnten durfte niemand den Brunnen hinter dem Schwarzwaldhof öffnen – eines Nachts hörte die Tochter ihre verstorbene Großmutter daraus rufen.

Als Lena in jener Nacht die Stimme ihrer verstorbenen Großmutter aus dem zugedeckten Brunnen hörte, ließ sie vor Schreck die Taschenlampe fallen. „Lena … hol deinen Vater.“ Die Worte kamen gedämpft aus der Tiefe, aber die Stimme war unverkennbar: dasselbe leicht raue Flüstern, dieselbe Betonung ihres Namens, sogar derselbe kurze Atemzug zwischen den Wörtern.

Lena wich vom steinernen Brunnenrand zurück. Ihre Großmutter Elisabeth war seit elf Jahren tot. Noch unheimlicher war jedoch, dass niemand den Brunnen hinter dem Schwarzwaldhof seit 1987 geöffnet hatte. Elisabeth selbst hatte damals die schwere Eisenabdeckung anbringen lassen und der Familie eingeschärft: „Was auch passiert – macht diesen Brunnen niemals wieder auf.“

Lena rannte ins Haus und holte ihren Vater. Als sie wenige Minuten später gemeinsam zurückkehrten, war die Stimme verschwunden. Stattdessen hörten beide aus der Tiefe ein regelmäßiges Ticken. Lenas Vater Thomas wurde kreidebleich. „Das kann nicht sein“, sagte er. „Diese Melodie habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehört.“

Der alte Hof der Familie Winter lag in einem abgelegenen Seitental des Schwarzwalds. Thomas Winter war 56 Jahre alt und hatte dort früher mit seiner Mutter Elisabeth und seinem Vater Heinrich gelebt.

Seine Frau Susanne war vor einigen Jahren gestorben, seine Tochter Lena, 26, arbeitete als Ergotherapeutin in Freiburg und war erst für einige Wochen auf den Hof zurückgekehrt, weil Thomas sich nach einer Schulteroperation schonen sollte.

Hinter dem Wohnhaus stand ein gemauerter Brunnen mit einer runden Eisenplatte. Zwei massive Metallstreben waren darüber verschraubt. Als Kind hatte Lena oft gefragt, warum der Brunnen so ungewöhnlich stark gesichert war. Ihr Vater hatte stets dieselbe Antwort gegeben: Das Mauerwerk sei instabil, der Brunnen gefährlich und seit Jahrzehnten trocken.

Doch Thomas kannte nicht die ganze Wahrheit. Im Sommer 1987, als er siebzehn war, hatte er eines Morgens beobachtet, wie seine Mutter Elisabeth gemeinsam mit einem Dorfschlosser die Abdeckung montierte.

Sein Vater Heinrich war damals bereits seit drei Jahren tot. Elisabeth hatte ihrem Sohn nur gesagt, dass im Brunnen ein alter Seitenschacht eingebrochen sei. Danach durfte niemand mehr daran arbeiten. Selbst als der Hof später eine moderne Wasserversorgung bekam, bestand sie darauf, dass der Brunnen unverändert blieb.

In der Nacht, in der Lena die Stimme hörte, kniete Thomas lange neben der Eisenplatte. Das Ticken kam in unregelmäßigen Abständen aus der Tiefe. Dann folgten einige helle Töne. Thomas sah seine Tochter an. „Deine Oma hatte eine Spieluhr.“

Lena erinnerte sich sofort daran. Auf Elisabeths Kommode hatte jahrzehntelang eine kleine hölzerne Spieluhr gestanden. Wenn man den Deckel öffnete, spielte sie eine einfache Melodie, zu der Elisabeth manchmal leise mitsummte. Nach ihrem Tod war die Spieluhr verschwunden. Thomas hatte angenommen, sie sei bei der Haushaltsauflösung versehentlich weggegeben worden.

„Die kann doch nicht im Brunnen sein“, sagte Lena.

Thomas antwortete nicht.

Am nächsten Morgen rief er einen Brunnenbauer und die örtliche Feuerwehr. Niemand sollte die alte Abdeckung ohne Sicherung öffnen. Zunächst wurde eine Kamera durch eine kleine Öffnung hinabgelassen.

Der Brunnen war ungefähr zwölf Meter tief. Im unteren Bereich stand Wasser. Etwa auf halber Höhe befand sich tatsächlich eine gemauerte Öffnung in der Seitenwand.

Als die Kamera daran vorbeifuhr, sah Lena etwas Helles.

„Zurück“, sagte sie.

Der Techniker führte die Kamera erneut an die Stelle.

Hinter der Öffnung lag ein schmaler trockener Raum. Auf einem Stein stand eine kleine hölzerne Kiste.

Daneben befand sich ein modernes Gerät.

Thomas runzelte die Stirn. „Was ist das?“

Der Techniker vergrößerte das Bild.

Es war ein kleiner Lautsprecher.

Jemand hatte ihn erst vor Kurzem dort angebracht.

Plötzlich war die Stimme der verstorbenen Großmutter kein übernatürliches Rätsel mehr.

Aber dadurch wurde alles noch beunruhigender.

„Wer steigt in einen seit Jahrzehnten verschlossenen Brunnen“, fragte Lena, „nur um nachts Omas Stimme abzuspielen?“

Sie untersuchten den Bereich hinter dem Hof. Etwa dreißig Meter bergauf entdeckte ein Feuerwehrmann zwischen Brombeersträuchern einen zweiten, schmaleren Schacht. Er war auf keiner aktuellen Karte verzeichnet. Frische Erde lag am Rand.

Jemand hatte ihn geöffnet.

Die Polizei wurde informiert. Am Nachmittag erschien ein Mann auf dem Hof, bevor die Beamten ihn finden mussten. Er war etwa sechzig, trug eine abgenutzte Outdoorjacke und stellte sich als Markus Feldner vor.

Thomas kannte den Namen.

Elisabeth hatte früher gelegentlich von einer Familie Feldner gesprochen, die bis Ende der achtziger Jahre einen kleinen Hof auf der anderen Seite des Waldes besessen hatte.

Markus legte einen Schlüssel auf den Küchentisch.

„Ich habe den Lautsprecher dort unten angebracht“, sagte er.

Lena sprang auf. „Sie haben die Stimme meiner Großmutter benutzt?“

„Ja.“

„Warum?“

Markus sah Thomas an.

„Weil ich wusste, dass ihr den Brunnen sonst niemals öffnen würdet.“

Thomas wollte ihn hinauswerfen. Doch Markus zog sein Telefon hervor und spielte eine alte Tonaufnahme ab.

Zuerst rauschte es.

Dann hörten sie Elisabeths Stimme.

Diesmal sagte sie mehr als Lenas Namen.

„Wenn Thomas das eines Tages hört, dann soll er wissen, dass Heinrich nicht wegen des Unfalls gestorben ist, von dem wir ihm erzählt haben.“

Thomas stand langsam auf.

Sein Vater Heinrich war 1984 bei einem Arbeitsunfall im Wald ums Leben gekommen.

Zumindest hatte Thomas das 42 Jahre lang geglaubt.

Markus stoppte die Aufnahme.

„Der Rest“, sagte er, „liegt hinter der Seitenwand im Brunnen.“

Thomas wollte die Aufnahme sofort vollständig hören. Markus weigerte sich nicht, erklärte jedoch zuerst, wie sie entstanden war. Elisabeth hatte sie 2009, drei Jahre vor ihrem Tod, auf einem kleinen digitalen Aufnahmegerät gesprochen.

Markus’ Mutter Gerda Feldner war Elisabeths engste Freundin gewesen. Nach Elisabeths Tod erhielt Gerda eine verschlossene Schachtel mit der Anweisung, sie Thomas nur dann zu geben, wenn ein bestimmter Bereich hinter dem Brunnen eines Tages wieder sicher zugänglich sei.

Gerda starb jedoch, bevor sie diesen Auftrag erfüllen konnte.

Markus fand die Schachtel erst Monate zuvor beim Ausräumen ihres Hauses.

Warum hatte er Thomas nicht einfach besucht?

„Das hätte ich tun sollen“, gab Markus zu. „Aber in den Unterlagen stand ausdrücklich, dass die Kiste im Seitenschacht zusammen mit der Aufnahme geöffnet werden sollte. Ich wollte zuerst sehen, ob der alte Zugang noch existiert. Dann habe ich diesen zweiten Schacht gefunden.“

Seine Idee mit dem Lautsprecher bezeichnete selbst Markus inzwischen als „vollkommen idiotisch“. Er hatte geglaubt, ein kurzer Ausschnitt aus Elisabeths Aufnahme würde die Familie zwingen, aufmerksam zu werden. Dass Lena nachts allein zum Brunnen gehen und die Stimme ihrer verstorbenen Großmutter hören würde, hatte er nicht bedacht.

Lena war wütend.

„Sie hätten einfach klingeln können.“

Markus nickte. „Ja.“

Damit war wenigstens dieser Teil erstaunlich menschlich und wenig mystisch erklärt: Ein Mann hatte eine schlechte Entscheidung getroffen.

Der Inhalt der Aufnahme war wichtiger.

Elisabeth berichtete darin von Heinrichs Tod im Jahr 1984. Die Familie hatte Thomas damals gesagt, sein Vater sei bei Forstarbeiten von einem Baum getroffen worden. Tatsächlich war Heinrich an jenem Tag nicht im Wald gewesen.

Er war im alten Brunnensystem verunglückt.

Hinter dem Brunnen verlief ein schmaler Quellstollen, der früher Wasser zu mehreren Höfen leitete. Heinrich hatte dort gemeinsam mit einem Nachbarn eine beschädigte Leitung überprüfen wollen. Ein Teil der Seitenkammer brach ein. Heinrich wurde schwer verletzt. Obwohl Hilfe schnell kam, starb er noch am selben Tag im Krankenhaus.

Thomas verstand nicht, warum man daraus jahrzehntelang ein Geheimnis gemacht hatte.

Dann kam der schwierigere Teil.

Der Nachbar, der bei Heinrich gewesen war, hieß Robert Feldner – Markus’ Vater.

Robert hatte eigenmächtig eine Stütze entfernt, weil sie ihm bei der Reparatur im Weg war. Ob genau das den Einsturz ausgelöst hatte, konnte später niemand sicher beweisen. Doch Robert machte sich verantwortlich. Elisabeth war zunächst überzeugt, er habe ihren Mann durch Leichtsinn getötet. Zwischen den Familien entstand ein erbitterter Streit.

Thomas war siebzehn.

Elisabeth wollte verhindern, dass ihr Sohn Robert zur Rede stellte. Sie kannte Thomas’ Temperament. Deshalb erzählte sie ihm die vereinfachte Geschichte vom Forstunfall. Später, als die erste Wut verflogen war, wollte sie ihm die Wahrheit sagen.

Sie tat es nie.

Robert Feldner wiederum zog mit seiner Familie einige Jahre später weg. Er starb 2003.

„Meine Mutter und Elisabeth haben später wieder miteinander gesprochen“, erklärte Markus. „Unsere Väter nicht mehr. Und ihr Sohn wusste von allem nichts.“

Unter fachlicher Aufsicht wurde einige Tage später der Seitenschacht geöffnet. Die hölzerne Kiste, die auf der Kamera zu sehen gewesen war, konnte geborgen werden.

Darin lag kein Geld.

Keine Urkunde über ein geheimes Grundstück.

Kein sensationelles Erbe.

Es waren Heinrichs Taschenuhr, einige Fotografien, zwei Briefe und die kleine Spieluhr.

Thomas nahm sie mit zitternden Händen heraus.

„Warum hat Mutter das alles hier versteckt?“

Ein Brief beantwortete diese Frage.

Elisabeth hatte den Brunnen nicht nur wegen der Unfallgefahr verschlossen. Nach Heinrichs Tod konnte sie die Gegenstände ihres Mannes nicht im Haus ertragen. Gleichzeitig wollte sie sie nicht wegwerfen. Sie legte sie in die trockene Seitenkammer, an den letzten Ort, an dem Heinrich an jenem Morgen gewesen war.

Jahre später bereute sie diese Entscheidung.

In ihrem Brief schrieb sie, dass Schweigen zunächst wie Schutz wirken könne. Wenn es zu lange dauere, werde daraus jedoch eine Last für die nächste Generation.

Thomas saß lange am Küchentisch und sagte nichts.

Er war nicht wütend darüber, dass sein Vater anders gestorben war, als er geglaubt hatte. Was ihn erschütterte, war die Vorstellung, dass seine Mutter fast drei Jahrzehnte mit dieser Geschichte allein gelebt hatte.

„Sie hätte es mir sagen können“, sagte er.

Lena antwortete vorsichtig: „Vielleicht wusste sie irgendwann nicht mehr, wie.“

Markus entschuldigte sich noch einmal für den Lautsprecher. Thomas brauchte einige Zeit, bevor er ihm verzeihen konnte. Die beiden Männer wurden keine engen Freunde. Aber sie trafen sich später mehrfach und rekonstruierten anhand alter Unterlagen die Geschichte ihrer Familien.

Der Brunnen wurde schließlich saniert. Der gefährliche Seitenschacht wurde dauerhaft gesichert. Die schwere alte Eisenplatte blieb, allerdings nicht mehr als geheimnisvolles Verbot. Daneben brachte Thomas eine kleine Tafel an, auf der erklärt wurde, dass sich darunter ein historisches Quellensystem befand.

Die Spieluhr stellte er ins Wohnzimmer.

Beim ersten Öffnen funktionierte sie nicht mehr. Ein Uhrmacher reinigte das Werk und ersetzte eine gebrochene Feder. Als Thomas sie Wochen später zurückbekam, setzte er sich mit Lena an den Tisch.

Er öffnete den Deckel.

Die Melodie begann.

Thomas schloss die Augen.

„Genau so“, sagte er. „So klang es, wenn Mutter sonntags in der Küche war.“

Lena dachte an jene Nacht zurück. Damals hatte sie geglaubt, die Stimme ihrer toten Großmutter komme aus einem seit Jahrzehnten versiegelten Brunnen.

In gewisser Weise hatte sie sich nicht vollständig geirrt.

Elisabeth war natürlich nicht aus dem Brunnen zurückgekehrt. Ihre Stimme stammte aus einer Aufnahme, abgespielt durch einen versteckten Lautsprecher. Das Geheimnis dahinter war weder übernatürlich noch unerklärlich.

Aber die Botschaft war tatsächlich von ihr gekommen.

Sie hatte Jahrzehnte zuvor beschlossen, dass ihre Familie eines Tages erfahren sollte, was an diesem Ort geschehen war. Nur hatte sie die Wahrheit so lange verschoben, dass andere Menschen sie nach ihrem Tod zu Ende erzählen mussten.

Thomas öffnet den Brunnen heute nicht mehr ohne Grund. Doch niemand in der Familie sagt noch: „Den dürft ihr niemals öffnen.“

Wenn seine Enkel irgendwann fragen, erzählt er ihnen die ganze Geschichte.

Von Heinrich.

Von Elisabeth.

Vom Unfall.

Von den Feldners.

Von einer kleinen Spieluhr.

Und auch von Markus’ ziemlich verrückter Idee, die Stimme einer verstorbenen Frau nachts aus einem Brunnen erklingen zu lassen.

Denn Thomas hat aus dem Geheimnis seiner Mutter etwas gelernt, das er nicht weitervererben möchte:

Gefahren darf man absperren.

Aber die Wahrheit sollte man nicht mit einschließen.

Ende

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