Als der Hirte Sebastian Riedle seine Taschenlampe in den überwucherten Brunnen hielt, glaubte er zunächst, sich zu täuschen. Fast zwölf Meter unter ihm, dort, wo eigentlich Wasser stehen sollte, befand sich eine eiserne Tür. Sie war direkt in die gemauerte Brunnenwand eingelassen und besaß einen schweren Riegel, der selbst aus dieser Entfernung deutlich zu erkennen war.
Sebastian hatte in seinen 58 Lebensjahren unzählige Stunden auf den Bergweiden oberhalb seines Heimatdorfes im Allgäu verbracht, doch diesen Brunnen hatte er noch nie gesehen. Er lag versteckt zwischen zwei Felsvorsprüngen, umgeben von dichtem Haselgebüsch und den Wurzeln einer alten Buche.
Noch merkwürdiger war, dass er auf keiner der historischen Karten eingezeichnet war, die Sebastian im vergangenen Winter für die Suche nach alten Viehtränken studiert hatte.
Als er einen kleinen Stein hinunterwarf, hörte er keinen Aufprall auf Wasser, sondern ein trockenes Klacken. Sekunden später folgte ein Geräusch, das ihn erstarren ließ:
Hinter der eisernen Tür wurde dreimal langsam gegen Metall geschlagen. Sebastian hielt den Atem an. Dann erklang aus der Tiefe eine schwache Männerstimme: „Ist da oben jemand? Bitte gehen Sie nicht weg!“
Sebastian wich erschrocken vom Brunnenrand zurück. Eigentlich hatte er an diesem Morgen nur nach drei entlaufenen Schafen gesucht, die während eines Gewitters aus ihrer umzäunten Weide ausgebrochen waren. Ihre Spuren hatten ihn über einen alten Holzrückeweg bis zu dem verborgenen Brunnen geführt.
Zwei Tiere grasten wenige Meter entfernt, doch das dritte war verschwunden. Sebastian rief erneut in den Schacht und fragte, wer dort unten sei. Die Antwort war kaum zu verstehen.
Der Mann behauptete, er sei seit der vergangenen Nacht eingeschlossen und habe sich am Bein verletzt. Sebastian versuchte, mit seinem Handy Hilfe zu holen, doch zwischen den hohen Felswänden gab es keinen Empfang.
Er versprach dem Unbekannten zurückzukommen und machte sich auf den Weg ins Dorf. Während er den steilen Waldpfad hinunterstieg, fragte er sich immer wieder, wie jemand durch eine eiserne Tür am Grund eines verlassenen Brunnens gelangen konnte.
Der Schacht besaß weder eine Leiter noch erkennbare Halterungen. Außerdem war die Öffnung so stark überwuchert gewesen, dass offenbar seit Jahrzehnten niemand mehr von oben hineingesehen hatte.
Im Dorf angekommen, verständigte Sebastian die Bergrettung und seinen 32-jährigen Sohn Lukas, der als Bauingenieur arbeitete und gerade den Familienhof renovierte. Lukas war zunächst skeptisch, als sein Vater ihm von der eisernen Tür erzählte.
Doch als sie gemeinsam mit den Rettungskräften zum Brunnen zurückkehrten, bestätigte sich jedes Detail. Der Schacht war sorgfältig aus behauenen Natursteinen gemauert und wirkte deutlich älter als die umliegenden Forstwege.
Auf halber Höhe entdeckte Lukas mehrere eiserne Halterungen, an denen früher möglicherweise eine Leiter befestigt gewesen war. Die Retter sicherten den Rand und ließen eine kleine Kamera hinunter.
Auf dem Bildschirm erschien die eiserne Tür, deren untere Hälfte von Geröll bedeckt war. Daneben lag ein moderner Rucksack. Als die Kamera näher herangeführt wurde, bemerkten sie eine schmale Öffnung unter dem Türrahmen. Dahinter bewegte sich plötzlich eine Hand. Der eingeschlossene Mann lebte tatsächlich.
Die Rettungskräfte stellten über die Kamera eine Sprechverbindung her. Der Unbekannte stellte sich als Michael Voss vor, 41 Jahre alt, und erklärte, er sei Geologe aus Kempten. Er hatte im Auftrag eines privaten Grundstückseigentümers alte Stollen und Wasserläufe in der Region untersucht. Am Vortag war er durch einen verschütteten Zugang in ein unterirdisches Gangsystem gelangt.
Dort hatte sich plötzlich ein Teil der Decke gelöst und seinen Rückweg versperrt. Auf der Suche nach einem anderen Ausgang war er schließlich hinter der eisernen Tür gelandet. Beim Versuch, sie zu öffnen, hatte er sich das Bein verletzt.
Er besaß nur noch wenig Trinkwasser und hatte die Nacht in völliger Dunkelheit verbracht. Sebastian fragte, weshalb der Geologe ausgerechnet diesen Ort untersucht habe. Michael schwieg einen Moment. Dann antwortete er: „Weil ich glaube, dass unter diesem Berg etwas liegt, das vor fast achtzig Jahren absichtlich versteckt wurde.“
Nach mehreren Stunden gelang es der Bergrettung, Michael durch den Brunnen nach oben zu bringen. Er war unterkühlt und hatte sich den Knöchel gebrochen, konnte aber noch sprechen.
Bevor ihn die Rettungskräfte ins Krankenhaus brachten, zog er ein kleines Notizbuch aus seiner Jacke und drückte es Sebastian in die Hand. Darin befand sich eine vergilbte Skizze, auf der der Brunnen, ein unterirdischer Gang und drei miteinander verbundene Kammern eingezeichnet waren.
Neben der letzten Kammer stand in alter Handschrift: „Eingang verschließen. Niemand darf erfahren, was hier zurückgelassen wurde. April 1945.“ Sebastian betrachtete die Zeichnung fassungslos. Am unteren Rand erkannte er einen Familiennamen, den er aus seiner Kindheit kannte: Riedle. Es war der Name seines eigenen Großvaters.
Noch am selben Abend saßen Sebastian und Lukas in der alten Bauernstube und betrachteten das Notizbuch des Geologen. Sebastians Großvater Johann Riedle war 1945 bereits 47 Jahre alt gewesen und hatte den Familienhof während der letzten Kriegsmonate bewirtschaftet.
Sebastian erinnerte sich nur schwach an ihn. Johann war ein schweigsamer Mann gewesen, der nach dem Krieg nie wieder über die Ereignisse jener Zeit sprechen wollte. Wenn jemand nach den alten Stollen oberhalb des Dorfes fragte, behauptete er stets, dort habe es niemals etwas anderes als natürliche Felsspalten gegeben.
Nun lag vor Sebastian eine Zeichnung, die offenbar von seinem Großvater stammte und ein weitverzweigtes Gangsystem unter dem Berg zeigte. Lukas bemerkte außerdem, dass mehrere Maße und Höhenangaben auf der Skizze vermerkt waren. Der Brunnen war offenbar kein gewöhnlicher Wasserbrunnen, sondern ein versteckter Zugang zu einer unterirdischen Anlage.
Am nächsten Morgen fuhr Sebastian ins Krankenhaus nach Kempten, um Michael Voss zu besuchen. Der Geologe erklärte, dass er seit mehreren Monaten historische Unterlagen über ein vergessenes Bergwerksprojekt untersuchte.
Während des Zweiten Weltkriegs hatten verschiedene Firmen in der Region nach geeigneten Standorten für unterirdische Lagerstätten gesucht. Einige dieser Projekte waren nie fertiggestellt worden, andere wurden kurz vor Kriegsende aufgegeben.
Michael hatte in einem privaten Nachlass eine alte Karte gefunden, auf der ein schmaler Stollen oberhalb von Sebastians Dorf eingezeichnet war. Der Brunnen selbst fehlte jedoch auch auf dieser Karte.
Erst bei seinen Geländebegehungen hatte er einen teilweise verschütteten Zugang entdeckt, der in das Gangsystem führte. Dort stieß er auf die eiserne Tür und mehrere gemauerte Kammern. Bevor er sie genauer untersuchen konnte, brach ein Teil der Decke ein.
Sebastian fragte, was sein Großvater mit der Anlage zu tun gehabt haben könnte. Michael zeigte ihm eine Kopie eines alten Schreibens aus dem Frühjahr 1945. Darin wurde Johann Riedle als örtlicher Fuhrunternehmer erwähnt, der mehrfach Baumaterial und Lebensmittel zu einem abgelegenen Bergstollen transportiert hatte.
Das Schreiben enthielt außerdem die Namen zweier Männer, die Sebastian ebenfalls bekannt vorkamen. Einer war der damalige Bürgermeister, der andere ein Bauunternehmer aus dem Nachbardorf. Beide waren längst verstorben.
Michael vermutete, dass die drei Männer kurz vor Kriegsende beschlossen hatten, bestimmte Gegenstände in den unterirdischen Kammern zu verstecken. Welche Gegenstände das waren, ging aus den Unterlagen jedoch nicht hervor.
Sebastian dachte an die letzten Worte seines Großvaters, der ihm als Kind einmal gesagt hatte, dass manche Geheimnisse besser unter der Erde bleiben sollten. Damals hatte er diesen Satz für eine seltsame Redensart gehalten.
In den folgenden Wochen untersuchten Fachleute das Gangsystem. Da die Anlage teilweise einsturzgefährdet war, mussten zunächst mehrere Zugänge gesichert werden. Außerdem wurden die zuständigen Behörden informiert, weil nicht ausgeschlossen werden konnte, dass sich dort noch gefährliche Hinterlassenschaften aus dem Krieg befanden. Sebastian durfte die Arbeiten zunächst nur aus sicherer Entfernung beobachten.
Schließlich gelang es den Experten, die eiserne Tür vom Inneren des Stollens aus zu öffnen. Dahinter befand sich ein schmaler Verbindungsgang, der zu drei gemauerten Kammern führte. In der ersten lagerten alte Werkzeuge, Holzbohlen und mehrere verrostete Transportwagen.
Die zweite enthielt zahlreiche leere Holzkisten, deren Aufschriften kaum noch zu erkennen waren. Doch in der dritten Kammer entdeckten die Fachleute etwas, womit niemand gerechnet hatte: einen vollständig erhaltenen Schreibtisch, mehrere verschlossene Metallbehälter und einen großen Stapel sorgfältig verpackter Dokumente.
Die Unterlagen wurden zunächst von Historikern untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die Kammern im Frühjahr 1945 als geheimes Zwischenlager genutzt worden waren. Mehrere Männer aus der Region hatten dort Lebensmittel, Medikamente und persönliche Gegenstände versteckt, die sie zuvor aus einem nahe gelegenen Lager für ausländische Zwangsarbeiter herausgeschafft hatten.
Offenbar hatten sie befürchtet, dass die Lagerleitung die Vorräte beim Rückzug zerstören würde. Unter den Dokumenten befanden sich Listen mit Namen, Geburtsdaten und Herkunftsorten von mehr als hundert Menschen, die während des Krieges in der Umgebung zur Arbeit gezwungen worden waren.
Außerdem entdeckten die Historiker mehrere handgeschriebene Briefe, die offenbar nie abgeschickt worden waren. Sie stammten von Menschen aus Polen, der Ukraine und Frankreich, die ihren Familien mitteilen wollten, dass sie noch lebten.
Sebastian war erschüttert. Sein Großvater hatte nie erwähnt, dass er während des Krieges Kontakt zu Zwangsarbeitern gehabt hatte. Doch die Dokumente deuteten darauf hin, dass Johann gemeinsam mit einigen anderen Dorfbewohnern versucht hatte, zumindest einen Teil der Menschen mit zusätzlichen Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen.
Warum die Unterlagen anschließend im Berg versteckt geblieben waren, ließ sich zunächst nicht erklären. Erst als die Historiker einen kleinen Metallbehälter öffneten, fanden sie einen Brief, der offenbar von Johann selbst geschrieben worden war.
Darin erklärte er, dass er die Dokumente nach Kriegsende eigentlich den zuständigen Behörden übergeben wollte. Doch kurz zuvor war einer der beteiligten Männer bedroht worden, weil er Aussagen über die Behandlung der Zwangsarbeiter machen wollte.
Johann hatte daraufhin beschlossen, die Unterlagen zunächst im Stollen zu verstecken, bis die Lage sicherer geworden sei. Weshalb er sie später niemals wieder hervorholte, blieb unklar.
Lukas entdeckte schließlich in einer alten Truhe auf dem Dachboden des Familienhofs mehrere weitere Briefe seines Urgroßvaters. Einer davon war an seine Frau Anna gerichtet und stammte aus dem Jahr 1952. Johann schrieb darin, dass er seit Jahren mit der Entscheidung ringe, die versteckten Unterlagen öffentlich zu machen.
Er fürchtete jedoch, dass seine Familie dadurch erneut in Konflikte mit ehemaligen Funktionären geraten könnte, die nach dem Krieg weiterhin Einfluss im Dorf besaßen. Gleichzeitig schämte er sich dafür, dass er nicht früher mehr getan hatte, um den betroffenen Menschen zu helfen.
In einem späteren Brief erklärte er, dass er die Dokumente eines Tages seinem Sohn übergeben wolle. Doch offenbar war es nie dazu gekommen. Sebastian begann zu begreifen, dass sein Großvater nicht nur ein Geheimnis bewahrt hatte, sondern auch eine schwere Last mit sich herumgetragen haben musste.
Die Historiker nahmen Kontakt zu mehreren internationalen Gedenkstätten auf, um die Namen aus den gefundenen Listen abzugleichen. Tatsächlich konnten sie einige Nachkommen der ehemaligen Zwangsarbeiter ausfindig machen. Besonders bewegend war die Geschichte einer französischen Familie, deren Großvater während des Krieges in der Nähe des Dorfes arbeiten musste.
Seine Angehörigen hatten jahrzehntelang geglaubt, er sei im Frühjahr 1945 spurlos verschwunden. Nun fanden sie in den Dokumenten einen Brief, in dem er seiner Frau und seinen beiden Kindern schrieb, dass er hoffe, bald nach Hause zurückkehren zu können. Obwohl sein weiteres Schicksal noch nicht vollständig geklärt werden konnte, bedeutete dieser Brief für seine Enkelin eine unschätzbare Verbindung zu ihrer Familiengeschichte.
Ein Jahr nach der Entdeckung des Brunnens wurde im Dorf eine kleine Ausstellung eröffnet. Dort waren Fotografien der unterirdischen Anlage, Kopien der gefundenen Dokumente und Informationen über die Menschen zu sehen, die während des Krieges in der Region Zwangsarbeit leisten mussten.
Sebastian und Lukas stellten außerdem einige alte Gegenstände ihres Großvaters zur Verfügung. Bei der Eröffnung waren auch Angehörige aus Frankreich und Polen anwesend. Sebastian erzählte ihnen, wie er den überwucherten Brunnen zufällig entdeckt hatte, während er nach seinen entlaufenen Schafen suchte.
Er erklärte, dass seine Familie lange Zeit nichts von der Anlage gewusst habe und dass die gefundenen Dokumente nun dazu beitragen sollten, die Geschichten der betroffenen Menschen sichtbar zu machen.
Der alte Brunnen wurde schließlich gesichert und mit einer schlichten Informationstafel versehen. Der Zugang zur unterirdischen Anlage blieb aus Sicherheitsgründen verschlossen, doch ein Teil der Dokumente konnte im örtlichen Museum ausgestellt werden. Sebastian besuchte den Brunnen noch häufig, wenn er seine Schafe auf die höher gelegenen Weiden führte.
Manchmal setzte er sich auf einen großen Stein neben dem Schacht und betrachtete die Berge, die er sein ganzes Leben lang zu kennen geglaubt hatte. Er dachte an seinen Großvater, an die Menschen, deren Namen fast achtzig Jahre lang unter der Erde verborgen gewesen waren, und an den verletzten Geologen, dessen Hilferufe ihn zu diesem Ort geführt hatten.
Eines Tages fragte Lukas ihn, ob er glaube, dass sein Großvater gewollt hätte, dass das Geheimnis endlich ans Licht komme. Sebastian schwieg einen Moment und blickte auf die eiserne Tür tief unten im Brunnen. Dann antwortete er: „Vielleicht hat er genau darauf gewartet, dass eines Tages jemand den Mut findet, sie zu öffnen.“
Ende
